Der Besuch des Investors

Gedanken zur Stadtmitte in Leichlingen

Vom 24.11.2011

Dr. Gerd Heidrich

 

Als ich vor ca. einem Jahr meine Gedanken zur geplanten Bebauung des Neuen Stadtparks im „Coup des Bürgermeisters“ (Zusendung auf Wunsch) niedergeschlagen habe, war ich sehr unsicher, ob meine Ahnungen und freien Gedanken tatsächlich zutreffend sein werden. Diese Unsicherheit ist mir genommen worden. Arroganz und die Finessen erfüllten meine Erwartungen in vollen Umfang.

 

Als nun in den letzten Tagen, die neuen Planungen zur Stadtmitte sich andeuteten,  hat sich selbst ein Mensch wie ich, der den Politikern alles zutraut, weil er ihnen sehr wenig zutraut, erst einmal die Augen reiben müssen.

 

Wähnte man sich auf dem Weg der Vernunft, alles ein weniger kleiner, alles ein wenig angepasster zu bauen, hat sich das große kapitale Gesäß nochmals so richtig ergossen. Oder besser, es versucht es.

 

Stadtparküberbauung, Straßenüberbauung, Wupperüberbauung. Ein Architekt aus Stuttgart, der wohl am dortigen Bahnhof nicht zum Zuge gekommen ist, hat in Leichlingen Luft geholt. Nicht viel, was auch wichtig ist, denn wir, die hier täglich Luft holen, scheinen hier zu verblöden. Dabei sind doch die Pläne  der Bürgerinitiative gar nicht so schlecht. Sie sind wohl einfach zu billig. Man kann zu wenig Geld damit machen.

 

Denn, wenn eines nunmehr sonnenklar ist, dann ist es die Tatsache, dass es der Stadt in erster Linie ums Geld geht. Egal, was da gebaut wird. Hauptsache es bleibt etwas im  Stadtsäckel. Denn nur bei ganz viel Baumasse, drückt der Investor eine Belohnung ab.

 

Wer sagt, dass Leichlingen nur dann überleben könne, wenn die Stadt ebenso plattiert wäre wie die Nachbarstädte, unterliegt einem tödlichen Herdentrieb.

In der Landwirtschaft nennt man das Schweinezyklus: Wenn die Preis hoch sind, setzen alle Landwirte auf Schweine, mit dem Ergebnis, dass die Preise fallen. Zur Jahrtausendwende hat eine riesige Herde von Anlegern Papiere vom Neuen Markt gekauft. Weil es andere auch getan haben. Mit dem Ergebnis, dass Erspartes und Geliehenes den Bach runter gegangen sind. So wie die tollen Bänker, die sich das Portfolio ihrer Bank mit Milliarden Giftpapieren vollgeladen haben. Weil es alle getan haben. Oder denken wir nur an die tollen Cross- Border- Geschäfte. Denen die Gemeinden gleich reihenweise aufgesessen sind. Mit riesigen Verlusten.

 

In der Masse verdient nur die Rarität. Die Nische. Wie das Restaurant, das anders ist. Um diese Nische  zu schaffen ist viel Arbeit und viel Denken und viel Kreativität nötig. Nicht nötig ist ein Architekt, der die Wupper gerochen hat und anschließend alles tut, um den Charakter dieses Flusses mit den vielen zufließenden Bächen und mit den Tälern und Wäldern zu vernichten. Nichts gegen den Architekten. Das ist sein Job und sein Brot.

 

In Leichlingen ist fast alles schon da. Auch das Image als Blüten-, Obst- und Freizeitstadt. Schauen wir uns doch nur einmal den Zulauf bei den Bauerneinkäufen an. Viele von den dortigen Kunden kommen nach dem Einkauf in die Stadt, um hier spazieren zu gehen. Zumindest solange, wie man die Wupper noch sieht.

Dies Image zu pflegen ist sinnvolle Politik.

 

Wenn kreative Menschen aus allen Parteien und Initiativen ihre Köpfe  zusammen stecken und richtig gut über diese Stadt nachdenken, so richtig nachdenken, was mehr mit vordenken zu tun hat, dann haben wir eine Stadt mit zu wenig Parkplätzen, weil alle zu uns kommen.

 

Vorgestern bin ich an meinen Bücherschrank gegangen und habe mir ein schmales Buch heraus gezogen: Der Besuch der Alten Dame von Dürrenmatt.

 

Eine wunderschlimme Geschichte einer käuflichen Stadt. Eine Geschichte, wie selbstverständliche Moral so einfach verkauft wird. Wie honorige Menschen, unter ihnen der Bürgermeister, der Lehrer und der Pfarrer zu Mördern werden können, wenn das Geld stimmt. Hier eine Milliarde von der alten Dame

 

Nun bin ich kein Moralist. Im Gegenteil. Ich gebe zu bedenken, dass Moralisten für Milliarden Tote der Menschheitsgeschichte verantwortlich sind. Da kommt der Egoist bei weitem nicht dran.

 

So sehe ich also den Leichlinger Versuch, sich kaufen zu lassen, nicht als verwerflich an. In keiner Weise. Durchaus ein Möglichkeit der Vorteilsnahme. Wen darf das weniger stören als mich. Den Egoisten.

 

Anders die Frage, ob ich mit Menschen Skat spiele, von denen ich weiß, dass sie zwischenmenschliche Vereinbarungen, also Regeln, nicht einhalten.

 

Nur ich, ein Bürger, will den Ausverkauf Leichlinger Vermögen, Leichlinger Selbständigkeit und Leichlinger Grün nicht. Und mit mir Tausende nicht.

 

Viele, nicht nur hier in Leichlingen, sind der Meinung, dass unsere Vertreter in den Allerwertesten der pervertierten Finanzwirtschaft nichts zu suchen haben. Damit meine ich nicht  unsere Realwirtschaft. Ich meine das vagabundierende Geld, das sich an den verschiedensten Stellen  niederlässt, um auszuweiden. Um die Edelmetalle mitzunehmen und den Schrott liegen zu lassen.

 

Wie es in Leichlingen sein wird. Es wird beim Bau abkassiert und bei den Fördergeldern und beim billigen Grundstück. Sozusagen verscherbeltes Tafelsilber einsammeln. Dann verkauft man alles an einen Fond für alle. Macht nochmals Geld. Dann läuft die Riesenschose nicht. Und in Leichlingen steht eine Ruine oder ein unansehnlicher Kasten. Dann sind die Vagabunden schon über alle Berge.

 

Alles das wie im Märchen von Hans im Glück. Von seinem Klumpen Gold blieb ihm bekanntlich zum Schluss noch ein einfacher Feldstein. Und immer meinte er, günstig getauscht zu haben.

 

Viele sind der richtigen Meinung, dass nur eine zunehmende Regionalisierung die Probleme unserer Zeit lösen können. Und die sind verdammt groß. Tausende Quadratmeter neue Handelsflächen zu schaffen für Produkte aus fernen Länder, die mit ungeheuren Transportkosten und höchster Umweltverschmutzung nach hier transportiert werden, wäre, ökologisch gesagt, einfach Banane.

 

Leichlingen hat beste Voraussetzungen. Für Wachstum nach innen. Sprich: Ausnutzung vorhandener Ressourcen. Erneuerbare Energien und eine Versorgung durch vor Ort hergestellte Produkte.

 

Eine Wahl war gerade. Desaströs für die Wortführer. Die Politiker mögen ihre Schlüsse ziehen. Auch daraus, dass sie immer mehr an Akzeptanz verlieren. Legitime Abstimmung durch Fernbleiben. Und: Wählen heißt auch legitimieren. Das allerdings setzt Vertrauen voraus. Und das fehlt. Deswegen ist Fernbleiben politische Willensbildung.

 

Die nächste Wahl kommt. Darauf kann man warten, muss es aber nicht. Die Menschen haben heute viel mehr Möglichkeiten, sich zu organisieren und zu versammeln, um Änderungen zu bewirken. Das könnte auch hier in Leichlingen passieren. Die Erzwingung von Regionalisierung durch überregionale Solidarität. Um den von den Bürgern Beauftragten mitzuteilen, dass sie den ihnen erteilten Auftrag auch erfüllen sollen.

 

Noch haben die Beauftragten in den Räten und Verwaltungen eine Chance. Noch!

 

Wie immer allein verantwortlich und nicht beauftragt.

Gruß Dr. Gerd Heidrich